Der Hufbeschlag

Durchblutung und Entzündung

 

ZUR PHYSIOLOGIE DER DURCHBLUTUNG, DES NÄHRSTOFF-TRANSPORTES, DER ENTZÜNDUNG UND DER ABFALLPRODUKT-BESEITIGUNG IM GEWEBE

 

Es ist immer wieder von den Merkmalen der Entzündung die Rede: Gestörte Funktion - Schmerz - Schwellung - Vermehrte Wärme - Rötung (Letztere spielt beim Pferd nur eine untergeordnete Rolle). Sehr wichtig ist dabei die Reaktion der Blutgefässe an der betroffenen Stelle. Deshalb soll hier kurz auf das Blutgefäss- und Lymphsystem sowie auf einige Grundlagen des Entzündungsgeschehens eingegangen werden.


Blutfluss:

a) Arterien:

Vom Herzen kommend gelangt sauerstoffreiches und mit Nährstoffen angereichertes Blut in die Arterien. Diese verzweigen sich in Kapillaren, was zum Anstieg des Gesamtquerschnittes führt und eine Verlangsamung des Blutflusses nach sich zieht. Der Einzelquerschnitt einer jeden Kapillare ist im Endstromgebiet sehr gering. Er beträgt nicht einmal so viel wie der

Durchmesser eines einzelnen roten Blutkörperchens. Diese müssen sich unter Verformung regelrecht durchquetschen.


Folge: Der innige und relativ lange Wandkontakt ermöglich einen intensiven Gasaustausch, also Transport von Sauerstoff vom Blutkörperchen ins Gewebe und von Kohlendioxid zurück.


Darüber hinaus werden aus dem Blut Nährstoffe und Serum (Blutflüssigkeit) ins Gewebe aufgenommen. Abbauprodukte des Stoffwechsels werden, wiederum zusammen mit Serum, zum Abtransport ins Blut eingebracht. Hierfür sind in den Gefässwänden Öffnungen, deren Grösse verändert werden kann. Dies geschieht hauptsächlich durch die Wirkung chemischer

Stoffe (Botenstoffe), die der Körper bildet.


b) Venen:

Im venösen Kreislaufanteil muss das Blut gegen die Erdanziehung zum Herzen zurücktransportiert werden. Die den Arterien benachbart verlaufenden Venen profitieren passiv von deren Pulsation.

Mit Hilfe der Venenklappen, die als Rückschlagventil dienen, und den Druckmechanismen in Hufen und Muskeln kann das Blut zum Herzen zurückgeschafft werden.Im Huf wird der Blutfluss entscheidend durch die sog. Hufpumpe mitgeprägt. Belastung: Sohlengefässe eng,  andleder-hautgefässe weit. Entlastung: umgekehrt! Die Durchblutung wird ausser durch die Herztätigkeit auch durch Erschlaffen und Zusammenziehen der Blutgefässe mittels eigener Muskulatur gesteuert. Diese Gefässmuskeln reagieren auf Nervenreize bzw. wiederum auf körpereigene Botenstoffe.

Steuerung des Wasseraustritts ins Gewebe: Durch Arterienkontraktion: weniger Wasser tritt aus. Darauf beruht der Effekt von Kühlverbänden, da sich bei Kälte die Gefässe verengen. durch Weiten oder Verengen der Poren (Filter) durch körpereigene Botenstoffe, z.B. Histamin. Dies ist ein im Körper

selbst hergestelltes Produkt des Eiweissstoffwechsels.

 

Histamin weitet die Gefässporen bei Entzündung. Dadurch gelangt vermehrt Serum ins Gewebe. Es bringt Abwehr- und Reparaturzellen ins Gewebe und schwemmt Abbauprodukte der Entzündung aus.

Histamin führt also logischerweise zu Anschwellungen im Gewebe.

Lymphsystem: Dies ist ein flüssigkeitsabführendes Gefässsystem, das überschüssiges Gewebswasser und grössere Abbauprodukte (tote Zellen u.a.) nach dem Drainageprinzip abtransportiert. In die Lymph-

kanäle sind in regelmässigen Abständen als Filter- und Sammelstationen Lymphknoten "geschaltet".

Sie enthalten besonders viele Abwehrzellen und sind jeder für ein bestimmtes Gebiet zuständig. Bei Entzündungen in diesem Gebiet schwellen sie an. Beim Pferd sind nur die Kehlgangslymphknoten

tastbar, die für die Lymphe aus dem gesamten Kopfgebiet zuständig sind.

 

Entzündung: Die Entzündung ist eine Reaktion des Organismus und seiner Gewebe gegen

verschiedene (schädigende) Reize. Ziel einer Entzündung ist es i.d.R., den schädigenden Stoff

(Agens) und seine Folgen zu beseitigen.

 

Ursachen:

- mechanische Einflüsse: Reibung, Druck, Fremdkörper

- chemische Substanzen: Säuren, Basen

- physikalische Faktoren: Temperatur, Strahlung

- Mikroorganismen: Viren, Bakterien, Pilze, Parasiten

- körpereigene Reizungen: Tumoren

- Entzündungsmerkmale:

- gestörte Funktion

- Schmerz

- Schwellung

- vermehrte Temperatur

- Rötung


 

Huflederhautentzündung

Aseptische Huflederhautentzündung

 

Ursachen:

- Immer traumatische Ursache, deshalb sagt man üblicherweise auch Hufprellung!

- Tritt, Schlag, Springen auf Stein

- Hohe Geschwindigkeit auf hartem Boden (Durchgehen). Dauerbelastung mit weniger Geschwindigkeit auf

  harten Böden führt eher zu Hufknorpelverknöcherung (s. dort).

- Schlechtsitzende Eisen bzw. schlecht ausgeschnittener Huf.

 

Symptome:

- Lahmheit, meist gering- bis mittelgradig

- Wärme

- Pulsation der Mittelfussarterie

- Positive Zangenprobe

 

Oft ist die Unterscheidung von der infektiösen Lederhautentzündung und dem Hufabszess schwierig!

 

Behandlung:

- Angussverbände

- Boxenruhe mit etwas Führen auf weichem Boden (Bahn) für ca. drei Tage.

- Danach mindestens eine Woche aufbauende Schrittarbeit!

- Der Übergang von einer ausgedehnten Hufprellung zur Belastungsrehe (siehe dort) ist fliessend!


Septische Huflederhautentzündung

 

Ursachen:

- Bakterien können auf vielerlei Arten in den Huf gelangen:

- Nageltritt

- Kronentritt

- Fälschlich geschnittene Steingallen

- Eindringen von Bakterien durch Hornspalten u.ä. (vgl. Hufabszess)

- Bei sehr kleinen (umschriebenen) Entzündungen geht das Pferd erst bei Eiter(abszess-)bildung lahm. Ansonsten sind die

 

Symptome: wie oben

 

Behandlung: Wie beim Hufabszess, bei grösseren Prozessen zusätzlich Antibiotika.


Hufrehe

 

Die Hufrehe ist eine hochakute, nichtinfektiöse Entzündung der Huflederhaut. Betroffen sind fast immer

die Vordergliedmassen, da sie den grösseren Gewichtsanteil zu tragen haben.

 

Symptome:

Vorstellen der Vorderhufe und Untersetzen der Hinterhand (Sog. Rehehaltung)

Entsteht durch den Versuch, mit der Hinterhand mehr Gewicht aufzunehmen und so die Vorhand zu entlasten.

Pulsation der Mittelfussarterie wg. Blutandrang im Huf Klassisches Entzündungssymptom bei Huferkrankungen.

In diesem Falle stets sehr stark.

Vermehrte Wärme der Hufe

Zweischlägiges Aufsetzen der Hufe (Trachtenfussung)

Falls das Pferd überhaupt zu bewegen ist! Da die Zehe extrem schmerzt, wird zuerst der Ballen vorsichtig aufgesetzt.

Ursachen der Rehe - Reheformen

Die Symptome sind bei allen Typen der Hufrehe gleich. Die Rehe kann aber grundsätzlich verschiedene Ursachen haben.

Entsprechend werden folgende Reheformen unterschieden:


Belastungsrehe

 

Entsteht infolge Überlastung der Huflederhaut durch Bewegen auf hartem Boden,also durch einen mechanischen Reiz.

Beschlag, Gewicht des Pferdes und die Geschwindigkeit spielen hier eine grosse Rolle.

 

Ein Sonderfall ist die Einseitige Belastungsrehe

 

Sie tritt durch längerdauernde Mehrbelastung eines Hufes infolge Schmerzen in der Nachbarextremität ein, z.B. bei

Bruch eines Beines. Sie ist die einzige Reheform, bei der nur ein Fuss betroffen ist.

 

Bei der Belastungsrehe kommt es durch die mechanische Beeinträchtigung der Huflederhaut zu Gefässschäden und

damit zu einem Erguss von Blutflüssigkeit ohne Blutkörperchen (Serum) in der Lamellenschicht. Der Fortgang der

Entzündung entspricht dann dem Verlauf der Intoxikationsrehe (s.u.).


Intoxikationsrehe: Rehe durch Giftstoffe

Darunter fallen genaugenommen alle übrigen Reheformen! Eine Hauptrolle spielt hierbei der Entzündungsstoff Histamin.

Er wird vom Körper beim Eiweissstoffwechsel gebildet. Tritt er in zu grosser Menge auf, verursacht er -nicht nur beim Pferd!-

Reizzustände mit Schwellungen und Schmerzen. Histamin ist bei allen Entzündungen beteiligt, ob Mauke, Rehe, Rheuma

oder Allergien. Wer den Schluss zieht, dass zuviel Eiweiss nicht nur für Pferde problematisch ist, liegt ganz sicher nicht falsch!

Histamin bewirkt im Gewebe eine Erweiterung der Blutgefässe und ihrer Poren. So kommt es zum Austritt von Blutflüssigkeit

(Serum) ohne Blutzellen ins Gewebe, das daraufhin anschwillt.

Tritt dieser Effekt nun an der Huflederhaut ein, wo für eine Schwellung kein Platz ist, schiebt sich die Flüssigkeit zwischen

Lederhaut und Hornschuh. Hier bewirkt sie infolge des Druckanstiegs starke Schmerzen sowie recht schnell eine Lockerung

des Verbandes Lederhautlamellen - Hornlamellen. Ausserdem wird durch den Druckanstieg die Durchblutung nach und nach

schlechter, da die Gefässe zusammengedrückt werden.

 

Wird nicht sofort behandelt, kommt es zu einem Teufelskreis:

Die Blutgefässe in der Lederhaut verstopfen, da das Blut infolge des Serumaustritts zu dickflüssig geworden ist und die

Gefässe ja noch zusätzlich zusammengedrückt werden.

 

Der starke Schmerz in der stark innervierten Lederhaut führt beim Pferd rasch zu Kreislaufproblemen. Folge: Die Durchblutung verschlechtert sich weiter.

Die schlechte Durchblutung führt zum Absterben kleinster Bezirke der Lederhaut und damit zum Auftreten weiterer Giftstoffe. Der Vergiftungseffekt verstärkt sich.

Der steigende Druck treibt Lederhaut und Hornschuh auseinander. Gefahr der (s.u.) Hufbeinsenkung und des Ausschuhens. Die bekannteste Intoxikationsrehe ist wohl die


Futterrehe

Sie entsteht bekanntlich durch Überfressen, wobei hier das Eiweiss (Protein) entscheidender Faktor ist. Beim Eiweissabbau entsteht ja wie erwähnt Histamin. Zuviel Eiweiss - zuviel Histamin - Hufrehe.

 

Nachgeburtsrehe

Geht die Nachgeburt nicht rechtzeitig (innerhalb zwei Stunden) ab, besteht ebenfalls Rehegefahr. Die Nachgeburt wird vom Körper abgebaut, also zersetzt. Da sie reichlich Protein enthält, kommt es auch hier wieder zur Histaminvergiftung. Vergiftung allgemein Rehegefahr besteht bei vielen Vergiftungen, so z.B. durch verdorbenes Futter. Hier können faulendes Eiweiss (Histamin!) sowie Schimmelpilze und Bakterien mit ihren giftigen ausgeschiedenen Stoffwechselprodukten die Rehe verursachen.

Ebenfalls hierunter fällt Rehe durch Giftpflanzen oder (selten) Pflanzenschutzmittel.

 

Behandlung der Hufrehe

Akute Form - Erste Hilfe

 

Das Allerwichtigste ist zunächst Suchen und Abstellen der Ursache! So muss z.B. eine Nachgeburtsverhaltung untersucht und behandelt werden, ein Pferd mit Eiweissüberfütterung ein Abführmittel bekommen usf. Das Futter (Eiweiss!) muss drastisch reduziert werden: Unabhängig von der Reheursache darf ein Rehepferd keinerlei Kraftfutter bekommen!!

Am besten ist zunächst reine Strohfütterung. Kühlen der betroffenen Gliedmassen. Glücklich ist, wer das Pferd bis zum Rumpf in einen Bach oder Teich stellen kann:

Die Kühlwirkung (Entzündungshemmung und Schmerzlinderung) ist sehr stark, der Wasserdruck erschwert weiteren

Austritt von Serum ins Gewebe, und das Wasser übernimmt einen Teil des Gewichtes. Weiche Einstreu und, wenn irgend möglich, kurzzeitiges Bewegen des Patienten auf weichem Boden zur Verbesserung

der Hufdurchblutung.

 

Der Tierarzt gibt Mittel zur Blutverdünnung. Heute wieder anerkannt: Der Aderlass. Bei einem Pferd normaler Grösse

werden ca. 5 l Blut abgelassen. Da das Blut zunächst nicht nachgebildet, sondern nur durch körpereigenes Serum ersetzt werden kann, entsteht eine Doppelwirkung: Verdünnung des Blutes und Abziehen des Serums aus dem

Entzündungsgebiet. Zusätzlich wird eine Elektrolytinfusionen gegeben. Ausserdem bekommt das Pferd Mittel gegen die Histaminwirkung.

 

Wenn möglich, wird der Normalbeschlag entfernt. Die Trachten werden mit Gipsverbänden höhergestellt (warum?).

Dabei muss die Zehenwand schweben!

Wird das Pferd nicht oder zu spät behandelt, entsteht die


Chronische Hufrehe

 

Sie beginnt (meist nach 2 - 3 Tagen) mit der gefürchteten Zusammenhangstrennung von Lederhaut und Hornschuh.

Diese geht vom Zehenbereich aus. Hier ist die statische Belastung sehr hoch und wird durch den Zug, den die tiefe

Beugesehne beim Abfussen aufs Hufbein ausübt, noch verstärkt.

Das Hufbein kann daraufhin im Hornschuh absinken (es bildet sich eine ringförmige Einsenkung im Kronrandbereich)

rotieren. Hier dreht sich das Hufbein in seinem Gelenk nach unten. Die Hufbeinspitze nähert sich der Sohle.

Manchmal ist vorn am Kronsaum im Bereich des Strecksehnenansatzes eine Vorwölbung sichtbar. Das Hufbein

kann sich an der Spitze durch den Gegendruck an der Sohle aufwärts verformen (sog. Hutkrempenform)

Die Rotation ist die häufigere Form, was wieder ein Hinweis auf die Bedeutung des Zugs der Beugesehne ist.

 

Spätfolgen:

- Verbreiterung der weissen Linie im Zehenbereich

- Hornringe im Wandhorn

- Zu starke Hornbildung durch die Lederhautreizung, dadurch Knollhuf, Pantoffelhuf.

- Die endgültige Diagnose der Hufbeinsenkung bzw -rotation wird durch die Röntgenuntersuchung gestellt.

- Diese ist auch für die Beurteilung der Heilungsaussichten unerlässlich.

 

Behandlung der chronischen Rehe:

Da das Hufbein nicht zurückgedreht werden kann, muss das neue Wandhorn in seiner Richtung dem Hufbein folgen. Die Zehenwand wird dünngeraspelt und muss schweben. Der Hauptdruck wird durch Höherstellen bzw Schonen der Trachten in den hinteren Hufteil verlegt. Der Huf muss in ca. 4 wöchigen Intervallen korrigiert werden, wobei die Trachten nach und nach wieder auf Normalmass gebracht werden, im gleichen Tempo, wie die Zehenwand in der neuen Richtung herunterwächst. Die Dauer der Behandlung entspricht also der wachstumsphase der gesamten neuen Zehenwand!

 

Beachte: Die Rückfallgefahr ist gross, und ein Rehehuf bleibt stets besonders empfindlich.


Hufrollenentzündung

 

Wieder unterscheidet man grundsätzlich die akute und die chronische Entzündung.

 

Akute Form:

- Reizung des Strahlbeinbereiches, v.a. des Schleimbeutels unter der Tiefen Beugesehne.

 

Ursachen:

- Überlastung - dies führt zur nichtinfektiösen Form

- Verletzung, vor allem durch Nageltritte - infektöse Form

 

Symptome:

- Lahmheit (in allen Schweregraden möglich)

- Zehenfussung

- Pulsation der Fussarterie und Wärme

 

Die Symptome ähneln also weitgehend denen bei Strahlbeinfraktur, nur sind sie nicht so stark ausgeprägt. Bei der infektiösen Form sind sie allerdings wesentlich stärker, ausserdem kommt es, meist am zweiten Tag, zu Fieber.

Bei der infektiösen Form besteht die sehr grosse Gefahr des Übergreifens der Entzündung auf das Hufgelenk und/ oder die Tiefe Beugesehnenscheide, was Schwellungen bis über das Fesselgelenk hinaus verursacht!

 

Behandlung:

Bei der nichtinfektiösen Form genügt 36- stündiges Kühlen und anschliessende Ruhepause:

4 Wochen Schritt und weitere 4 Wochen ohne Galopp sind dringend anzuraten!!

Bei der infektiösen Form kommt man ohne Tierarzt nicht aus. Die Aussichten sind fraglich!

Chronische Form - Podotrochlose - "Hufrolle" (falsch!)

Diese Form hat keine infektiösen Ursachen, ist also aseptisch. Sie ist eine der bedeutendsten

Lahmheitsursachen bei Pferden. Zum Verständnis der Ursachen und der eintretenden

Veränderungen ist eine gute Kenntnis der anatomischen Situation notwendig.

Man erkennt, dass das Strahlbein mehrere Funktionen hat:

 

- Gleitlager für die Tiefe Beugesehne (gemeinsam mit dem Schleimbeutel)

- Teil des Hufgelenkes

- Hilfsgelenk zum Hufbein

 

Das Strahlbein ist mit Hufbeinunterfläche, Hufbeinseitenästen, Hufknorpel und Fesselbein (!)

durch Bänder verbunden. Trotzdem ist es um den Mittelpunkt etwas beweglich. Das straffste

Band ist das zur Hufbeinunterfläche, das Hufbein - Strahlbeinband.

Bei Belastung des Fusses entstehen am Strahlbein Zugkräfte und Druckkräfte wie durch Pfeile

in der Abbildung angedeutet. An den Ansatzstellen dieser Kräfte kann es zu Verschleiss bzw.

Veränderungen der Knochen - und Sehnenstruktur sowie des Schleimbeutels kommen, und

zwar durch folgende Ursachen:

 

- Überbeanspruchung und mangelndes Abreiten

- Stellungsfehler (natürlich oder durch falsches Ausschneiden), vor allem zu lange Zehe bzw. Zu kurze Trachten

- Schlechte Durchblutung, also auch Zwanghufe - Verschlechterung der Durchblutungssituation

- Vererbte Anlage

- Letzteres ist ein äusserst wichtiger Punkt, vielleicht sogar der entscheidende. Dies lässt sich daran erkennen, dass oft schon drei- bis vierjährige, noch ungerittene Pferde starke Strahlbeinveränderungen aufweisen.

- Pferde mit Hufrollenerkrankung sollten deshalb zur Zucht keinesfalls verwendet werden.

 

Charakteristische Veränderungen bei Podotrochlose:

 

a) Veränderungen an Schleimbeutel und Sehne
Durch Verschleiss, also dauernde Reizung, kommt es zur chronischen Entzündung. Dadurch wird der Inhalt des Schleimbeutels dünnflüssiger, die Schmierung also schlechter. Im Extremfall trocknet der Schleimbeutel (die Bursa) völlig aus. Gleichzeitig entstehen Schäden am Knorpel

und später am Knochen unter der Bursa. Es kommt zu Knochenabbau (bis hin zur Strahlbeinfraktur!), der im Röntgenbild sichtbar ist. Schlechte Durchblutung ist hier ein weiterer wesentlicher Faktor.

Auf der anderen Seite der Bursa wird die tiefe Beugesehne geschädigt. Nach und nach reissen die Sehnenfasern. Dies führt in schweren Fällen zu Sehnenschwellungen in der Ballen- und Fesselbeuge bis hin zum Sehnenabriss. Besonders leicht passiert das nach Nervenschnitt,

wenn das Pferd den Schmerz nicht mehr spürt. Eine Sehnenentzündung in der Fesselbeuge nach Nervenschnitt bedeutet praktisch das Ende des Pferdes.

 

b) Veränderungen am Ansatz des Strahlbein - Hufbeinbandes

Auf zu starken Zug (s.o.) dieses wenig elastischen Bandes reagiert das Strahlbein am Bandansatz wie jeder brave Knochen mit Umbau der Knochenstruktur, und zwar Knochenverdichtung in der Hauptzugrichtung

Knochenabbau um die grossen Blutgefässkanäle. Auch hier ist als zusätzliche Ursache schlechte Blutversorgung wahrscheinlich.

 

Beides tut der Knochen besonders gern, wenn er erblich vorbelastet ist.

Im Röntgenbild (2 Spezialaufnahmen möglich) sind die Veränderungen an beiden Hauptansatzpunkten gut zu sehen.

 

Symptome:

Die Erkrankung tritt praktisch nur vorne auf. Logischerweise beginnen die Symptome fast immer schleichend und noch dazu beidseitig, was ihre Erkennung natürlich erschwert. Nur selten setzt eine plötzliche Lahmheit auf dem stärker betroffenen Fuss ein. Typisch sind:

 

- Schwungverlust, klammer Gang

- Neigung zu Zehenspitzenfussung und deshalb

- Stolpern

- Verstärkte Zehenabnutzung, sichtbar v.a. am Barhuf

- Vorstellen eines Fusses im Stand

- Neigung zu Zwanghuf und Strahlverkümmerung (dies kann also Ursache und Wirkung sein)

 

Der Tierarzt stellt die Diagnose durch Röntgen und Betäuben der zuständigen Nerven am lahmen (oft in Wirklichkeit nur lahmeren!) Bein. Wenn der andere Fuss mitbetroffen ist (meist), geht das Pferd oft nach der Spritze auf diesem lahm! (Sogenanntes Umspringen der Lahmheit, typisch für Podotrochlose).

 

Behandlung:

Der Beschlag muss natürlich dafür sorgen, dass die Zehen kurz genug und die Trachten hoch genug sind. Letzteres wird oft durch Keile erreicht. Das ist vertretbar, Stollen sind dagegen wie immer Gift. Auf weicherem Boden haben sie auch die gewünschte Wirkung nicht mehr, da sie sofort bis zum Eisen einsinken.

 

Sehr wichtig ist die Zehenrichtung, die leichtes Abrollen des Hufes begünstigt und so zur Entlastung der Beugesehnen und des Strahlbeins beiträgt.

Bei jedem Ausschneiden muss sorgfältig geprüft werden, ob schon Neigung zum Zwanghuf besteht.

Jede Zwanghufbildung ist natürlich unbedingt zu vermeiden!

Für den Tierarzt bleiben nach einigen gescheiterten Experimenten heute noch:

 

- Durchblutungsfördernde Medikamente - gut, da Ursachenbekämpfung!

- Schmerzmittel

- (Nervenschnitt).

 

Vertretbar ist nur der tiefe Schnitt nach eindeutiger diagnostischer Injektion. Er belässt dem Pferd das Gefühl in der Zehe.

Vor allem mit durchblutungsfördernden Mitteln kann heute viel erreicht werden, korrekt zugerichteter Huf immer vorausgesetzt. Die Podotrochlose hat dadurch ein bisschen von ihrem Schrecken verloren.